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Beethovens
Sonaten für Pianoforte und Violoncello, Op. 102/1 und 102/2



 


Ludwig van Beethoven, 1815

Gemälde von Willibrod Mähler


Zu diesem vom deutschen Musikpapst Joachim Kaiser in seinem Artikel vom 9. Januar 2000 in der BUNTEN als "herb" bezeichneten Cellosonatenpaar lagen laut Thayer bereits im Frühjahr 1815 Skizzen zu den beiden letzten Sätzen vor, und zwar in einem später sich in Berlin befindlichen, von Nottebohm beschriebenen Skizzenbuch, deren zeitliche Fxierung uns Beethoven selbst lieferte mit seinem Hinweis auf die Londoner Produktion von Wellington's Sieg, "In Drury Lane Theater on February 10th, and repeated by general request on the 13th, Wiener Zeitung of March 2nd" (Thayer: 613).

Da Thayers nächster Hinweis sich darauf bezieht, dass:

"the destruction of Razumovsky's palace suspended the quartets, and Linke, the violoncellist, passed the summer with the Erdödys at Jedlersee. This gave the impulse to Beethoven to write the principal works of this year: the two Sonatas for Pianoforte and Violoncello, Op. 102. The first beard his date: 'Towards the end of July'; the second: 'Beginning of August'" (Thayer: 620; Thayer erwähnt hier, dass die Zerstörung von Razumovksys Palast das Quartett gleichen Namens auflöste und dass Linke, der Violoncellist, den Sommer mit den Erdödys am Jedlersee verbrachte, was wiederum Beethoven den Impuls gab, die Hauptwerke dieses Jahres, die zwei Sonaten für Pianoforte und Violoncello, op. 102, zu schreiben. Die erste trage das von ihm bezeichnete Datum 'Gegen Ende Juli', und die zweite 'Anfang August'),

ist es ratsam zu erkunden, wann Beethoven in diesem Jahr mit Gräfin Erdödy Kontakt aufnahm und unter welchen Umständen.  Dazu griff ich auf die in Dana Steichens Buch Beethoven's Beloved (das Gräfin Erdödy als Kandidatin dieser Rolle sieht) enthaltene Wiedergabe der Kurznachrichten und Briefe Beethovens an Gräfin Erdödy und ihren Hauslehrer, Magister Anton Brauchle aus diesem Jahr zurück.  Darunter findet sich als erstes Dokument von 1815 der folgende Brief Beethovens an Gräfin Erdödy:

"29th February, 1815

I have read, your esteemed Countess, your letter with great pleasure, also the renewing of your friendship for me. It has long been my wish once again to see you and also your dear children, for although I have suffered much, I have not yet lost my earlier feelings for childhood, for beautiful nature and for friendship.--The trio, and everything which as yet is not published, stands, dear Countess, from the heart, at your service--as soon as it is written, you shall receive it. Not without sympathy and solicitude have I often enquired after your state of health, but now, once again, I shall present myself personally to you and I will be glad to be able to take part in all that concerns you.--My brother has written to you, you must be a little indulgent with him, he is really an unfortunate suffering man.--The hope that the coming spring will have the best influence on your health and perhaps, as I wish also, make it reality--farewell, dear, worthy Countess, my best remembrances to your dear children, whom in spirit I embrace.--I hope to see you soon.--

Your true friend

Ludwig van Beethoven" (Steichen: 267; 'Ich habe, geschätzte Gräfin, Ihren Brief mit grossem Vergnügen gelesen, auch die Erneuerung Ihrer Freundschaft für mich.  Es war lange mein Wunsch, Sie und auch Ihre lieben Kinder wiederzusehen, da ich, obwohl ich viel gelitten habe, noch nicht meine früheren Gefühle für Kindheit, für die schöne Natur und für Freundschaft verloren habe. - Das Trio und alles, was bis jetzt noch nicht verlegt ist, steht Ihnen, liebe Gräfin, von Herzen zur Verfügung - sobald es geschrieben ist, sollen Sie es haben.  Nicht ohne Sympathie und Interesse habe ich mich oft nach Ihrer Gesundheit erkundigt, aber jetzt werde ich mich wieder selbst bei Ihnen vorstellen und ich freue mich, an allem Anteil zu nehmen, was Sie betrifft. - Mein Bruder hat Ihnen geschrieben, haben Sie etwas Geduld mit ihm, er ist wirklich ein unglücklicher, leidender Mensch. - In der Hoffnung, dass der kommende Frühling den besten Einfluß auf Ihre Gesundheit haben wird und vielleicht, wie ich es wünsche, dies verwirklichen wird - leben Sie wohl, liebe, werte Gräfin, meine besten Grüsse an Ihre lieben Kinder, die ich im Geist umarme. - Ich hoffe, Sie bald zu sehen. - Ihr wahrer Freund Ludwig van Beethoven).

Dies lässt darauf schliessen, dass Gräfin Erdödy zumindest für einige Zeit aus Wien und aus Beethovens Leben abwesend war und zu dieser Zeit wieder nach Wien zurückgekehrt war.  So scheint das simultane Auftreten mehrerer äusserer Umstände wie der der Zerstörung des Razumovsky-Palastes zur Jahreswende durch einen Brand, die Notwendigkeit der Quartettmusiker des gleichnamigen Quartetts, das Beethoven ja auch sehr zu Diensten gestanden hatte, sich nach neuen Tätigkeitsbereichen umzusehen, und die Rückkehr dieser Freundin und Gönnerin nach Wien sich mit Beethovens innerem Schaffensdrang in Richtung einer Sonate für Pianoforte und Violoncello glücklich getroffen zu haben und im Laufe des Sommers dieses Doppelwerk heranreifen gesehen zu haben

Wie schnell sich zwischen ihm und den Erdödys wieder ein sehr entspannter und vertrauter Umgangston entwickelte, beweist der folgende Brief dieses Sommers, also aus der Entstehungszeit der Sonaten:

"Liebe liebe liebe liebe liebe Gräfin, ich gebrauche Bäder, mit welchen ich erst morgen aufhöre, daher werde ich Sie und alle Ihre Lieben heute nicht sehen. - Ich hoffe, Sie genießen einer bessern Gesundheit; es ist kein Trost für bessere Menschen, ihnen zu sagen, daß andere auch leiden, allein Vergleiche muß man wohl immer anstellen, und da findet sich wohl, daß wir alle nur auf eine andere Art leiden, irren. - Nehmen Sie die bessere Auflage des Quartetts und geben Sie samt einem sanften Handschlag die schlechte dem Violoncello; sobald ich wieder zu Ihnen komme, soll meine Sorge sein, selben etwas in die Enge zu treiben. Leben Sie wohl, drücken, küssen Sie Ihre lieben Kinder in meinem Namen, obschon es fällt mir ein, ich darf die Töchter ja nicht mehr küssen, sie sind ja schon zu groß; hier weiß ich nicht zu helfen, handeln Sie nach Ihrer Weisheit, liebe Gräfin.

Ihr
Wahrer Freund und Verehrer

Ludwig van Beethoven" (Schmidt, Beethoven=Briefe: 98).

Wer mit dem Violoncello gemeint sein mag, wird der aufmerksame Leser inzwischen wohl auch gemerkt haben!

Anfang 1816 vertraute Beethoven Thayers Bericht zufolge diese zwei Werke auch Charles Neate aus Enland an und fügte ihnen auch noch eine Widmung an diesen bei (Thayer: 636).

Beethovens früherer Bonner Kollege, der Verleger Nikolaus Simrock, brachte das Doppelwerk 1817 (ohne Widmung an Gräfin Erdödy) heraus (Thayer: 692).

Ein Beweis dafür, wie sehr dieses Werk bereits mit der Weiterentwicklung seines Kompositionsstils verbunden war, ist wohl die von Thayer berichtete Tatsache, dass:

"A fugue-theme, identical, so far as the first three measures go, with that of the Scherzo of the Ninth Symphony, presented itself to him and was imprisoned in his notebook of 1815, being recorded among the sketches for the Sonata for Pianoforte and Violoncello in D, Op. 102" (Thayer: 887; Thayer berichtet hier, dass ein in den ersten drei Takten mit dem Scherzo der neunten Symphonie identisches Fugenthema in Beethovens Notizbuch von 1815 neben Skizzen für die Sonaten für Pianoforte und Violoncello in D-Dur, op. 102 zu finden war).



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